Kreuzweg-Figurationen von Monika Stein
21.02. - 30.04.2019

Maria Laach

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Vernissage am 01. Februar 2019 um 18.00 Uhr

Ausstellungsdauer vom 02. Februar bis 30. April zu den Öffnungszeiten des

Klosterforums Maria Laach.

Wie sehr in Bayern die Traditionen bildhauerischer Figurationen noch lebendig sind und immer


wieder neue künstlerische Aktualisierungen erfahren, war höchst eindrucksvoll mit der Installation


eines 14-teiligen Kreuzweges aus Betonfiguren im Kirchenschiff der Stadtpfarrkirche in Rosenheim


zu erleben. Bis nach Ostern konnte die in München geborene und südlich des Chiemsees in


Unterwössen arbeitende und lebende Bildhauerin und Malerin Monika Stein ihre Skulpturen


präsentieren. So ungewöhnlich diese extrem expressiv wirkende Ausstellung den kirchlichen


Rahmen sowohl füllte als auch sprengte, so ungewöhnlich waren auch bislang die Auftritte ihrer


Kunst in der Region. etwa in einem Sägewerk in der Nähe ihres Ateliers, und demnächst, ab Anfang


Mai, im Museum Maxhütte in Bergen bei Traunstein, einem industriehistorischen Juwel im


Chiemgau, in dem die Geschichte des Königlichen Hüttenwerkes in der weitläufigen und hohen


Halle des Museums aufbereitet ist und regelmäßig interessanten Künstler im Einzugsbereich bis


München ein Ausstellungsforum geboten wird. Zusammen mit der Traunsteiner Malerin Hildegard


Fakler, der Art Profil bereits ein Porträt gewidmet hat ( vgl. … ), stellt sie sich der Herausforderung,


der elegant geschwungenen Eisenkonstruktion des Raumes mit der Platzierung der Kunstwerke ihre


Ausdrucksformen in situ entgegen zu stellen.


Denen, die die zweimonatige Rosenheimer Kreuzweg-Installation nicht gesehen haben und die


nicht auf die zukünftigen geplanten Präsentationen in der Benediktiner Abtei Maria Laach in der


Eifel und im Dom zu Trier warten wollen, gibt die Künstlerin einen Katalog zur Hand, der unter


dem Titel „Die gegenwärtige Passion“ über die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig und


Frankfurt zu beziehen ist. Eine solche Publikation bekommt dadurch eine Bedeutung, dass die


Beispiele für gelungene künstlerische Gestaltung im figurativen Bereich in der religiösen Kunst


selten zu finden sind.


Monika Stein schlägt mit der plastischen Wucht des Ausdrucks in ihren Kreuzweg-Figuren eine


Brücke zum massiven Impetus der Skulpturen von Auguste Rodin zu Beginn des 20. Jahrhunderts,


geschaffen in Gips und in Bronze – etwa dem Balzac Denkmal oder der Einzelplastik einer Hand in


grotesker Krümmung der Finger sowie zu den vergeistigten wie verinnerlichten Körpergestaltungen


von Wilhelm Lehmbruck wenige Jahre nach Rodin, bis zu den kühn ausgreifenden, in


dynamischem Stillstand erstarrten Skulpturen von Giacomo Manzù und Mario Marini in den 1950er


Jahren. Der Betrachter bzw. der Besucher der Kreuzweg-Plastiken von Monika Stein vollzieht die


in Beton hergestellten Verdichtungen der emotionalen Ausstrahlungen von Passion in diesem zu


Kunst umgeformten Leidensweg Christi als einen in den Traditionen bester Bildhauerei verankerten


Parcours mit, erkennt aber gleichzeitig die eigene und unverwechselbare Handschrift der


Bildhauerin in der Art ihrer Materialbehandlung und der eindrucksvoll unkonventionellen Formung


der Figuren und Gesichtszüge – zuweilen geradezu bäuerlich grob, wie sie in den Steinplastiken der


Kalvarienberge vor den Kirchen in der Bretagne zu finden sind.


Die Künstlerin erreicht, was als das maximale Ziel figurativer Bildhauerei seit Ovids Pygmalion-


Mythos gilt: der toten Materie der Skulpturen in ihrer Darstellung Leben einzuhauchen, damit also


Emotionalität zu verdinglichen, in diesem Fall für die Passion eines Leidenden empathisches


Verständnis beim Betrachter zu erzeugen. Die Künstlerin geht aber weiter: sie öffnet mit dem


Einbeziehen heutiger drängender Katastrophen-, Schmerz- und Unrechtserfahrungen von uns allen


eine neue Deutung des Kreuzweges. Sie tut das indem sie auf drastische Weise den traditionellen


plastischen Formenkanon mit realen, aufgefundenen Gegenständen aus der Alltagswelt von heute


konfrontiert: eine mächtige Gartenschere, auf deren Klinge die Inschrift „Hartz IV“ eingraviert ist,


fixiert an der Gestalt des unter dem Kreuz zum ersten Mal stürzenden Jesus, des weiteren - aus der


jüngeren Vergangenheit - einen Stahlhelm, den der ( gemäß des Evangeliums ) zwangsverpflichtete


Kreuzesträger Simon von Kyrene im Begriff ist auf das Haupt Jesu zu legen, oder eine verrostete


Auspuff-Anlage, mit der zusammen Jesus zum zweiten Male fällt. Solche Partikel der Realwelt in


die Bildsprache der Skulpturen integriert zu haben, wäre noch vor nicht allzu langer Zeit als


skandalös empfunden worden. Der zeitgenössische Betrachter würde jedoch eher nicht an der


Provokation der Bildermischung Anstoß nehmen, sondern an der Überdeutlichkeit der


Symbolsprache als Hinweise auf die Gleichgewichtsstörung zwischen Arm und Reich ( „Hartz


IV“ ), auf die Kriegszerstörungen ( Stahlhelm ) und auf die Umweltzerstörung ( Auspuffrohr ), die


da der Heiland als seine Bürden auf sich genommen hat – wenn nicht die großartige


Gestaltungskraft dem Symbolgehalt einen gesamthaften Sinn verleihen und so überzeugen würde.


Nicht so offensichtlich für alle, die die geheimnisvolle Himmelsscheibe von Nebra und ihre


astronomisch-religiöse Bedeutung nicht kennen, die vor 4000 Jahren sich wohl leichter verständlich


machen konnte, ist die abbildende Platzierung dieser Ikone der Menschheitsgeschichte im


Schnittpunkt des Kreuzes als eine Metapher für die transzendierende Grablegung des Leichnams


Jesu. In dieser Weise den Bogen zu spannen von der christlichen Symbolik zur kosmischen


Symbolik ist gewagt, doch zweifellos bildhauerisch eingängiger bewältigt als es Sprache in solcher


Kürze je vermocht hätte. Gewagt ist auch für jeden ernst zu nehmenden Bildhauer das Aufgreifen


des bekanntesten Motivs der christlichen Ikonographie, die Beweinung Christi auf dem Schoß von


Maria, die Pietà. Der für Jahrhunderte maßgebenden Bildkraft der Marmorstatue von Michelangelo


im Petersdom von Rom ( nur Käthe Kollwitz hat noch eine im entfernten vergleichbare Pietà


geschaffen, die in der Gedenkstätte für die Opfer des Krieges in der Neuen Wache Berlin Raum


gefunden hat ) steht in der Gestaltung von Monika Stein ihre ganz andere Bilderfindung gegenüber:


die expressiv auseinanderstrebenden Figuren, horizontal von Christus und vertikal von Maria,


bilden eine so starke aufeinander bezogene Einheit, das sich dieses paradoxe Auseinander als


Zueinander dem Bildgedächtnis des Betrachters einschreiben dürfte.


Es ist zu hoffen, dass dieses überragende plastische Kunstwerk von Monika Stein und die


gesamte Kreuzweg-Skulpturengruppe in ihrer originellen bildhauerischen Qualität durch die geplanten


weiteren Aufstellungen erkannt werden. Zwar widmen sich zunehmend mehr die großen


Maler und Bildhauer unserer Zeit religiösen und kirchlichen Kontexten zu – Gerhard Richters


Fenster im Dom von Köln und Neo Rauchs Kirchenfenster für den Naumburger Dom, beide 2007,


sind solche Beispiele. Doch das Wagnis der Passion, wie es die expressionistischen Maler und


Bildhauer zwischen den beiden Weltkriegen eingingen, hat keine wirkliche Fortsetzung auf deren


künstlerischem Niveau gefunden. Daher sind die Kreuzweg-Figurationen von Monika Stein als im


heutigen Kunstgeschehen so ungewöhnlich einzustufen.


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